Dialogue I

Förderung:

DFG (2011-2014)

Leitung:

Prof. Dr. Tina Seidel

Mitarbeiter:

Dr. Ann-Kathrin Schindler, Prof. Dr. Alexander Gröschner, Martina Jerabek, Katharina Kiemer

Projektbeschreibung

Die internationale Unterrichtsforschung verweist auf die zentrale Rolle des Klassengesprächs für das Lernen von Schülerinnen und Schülern. Eine Reihe von Videostudien im deutschsprachigen Raum zeigte beispielsweise, dass das Klassengespräch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht häufig in Form eines fragend-entwickelnden Unterrichts stattfindet. Diese Form häufig eng geführter Klassengespräche hat jedoch negative Auswirkungen sowohl auf die Lernerträge als auch auf das Interesse und die Motivation von Schülerinnen und Schülern.

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Dialogue“ wurde daher eine Fortbildung für Lehrpersonen der MINT Fächer durchgeführt, in deren Mittelpunkt das Klassengespräch stand. Im Kontext des professionellen Lernens von Lehrpersonen hat sich der Einsatz von Videos als ein effektives Werkzeug erwiesen, weshalb das Fortbildungsangebot mit Videozirkeln arbeitete. Im Rahmen des Projekts wurde der „Dialogische Videozirkel“ (DVC) entwickelt. Außerdem wurden gezielt aus der Forschung als effektiv bekannte Komponenten, wie zum Beispiel die Möglichkeit für aktives Lernen sowie eine ausreichende Dauer, in das Fortbildungsangebot implementiert. Um neben einem Implementationscheck, Lernprozesse der Lehrkräfte während der Fortbildungsworkshops untersuchen zu können, wurden alle Workshops videographiert. Im Rahmen der einjährigen Intervention wurden die Lernverläufe von sechs Lehrpersonen untersucht und mit vier Lehrpersonen, die an herkömmlichen Fortbildungen im Kontext des Projekts teilnahmen, verglichen. Um entsprechende Veränderungen untersuchen zu können, wurden alle Lehrkräfte zu Beginn und Ende der Studie in ihrem Unterricht videographiert sowie deren Schülerinnen und Schüler mittels Fragebogen zu ihren Einstellungen und Unterrichtswahrnehmungen befragt.

Erstes Forschungsanliegen war zunächst die Untersuchung der Implementation der effektiven Komponenten im Rahmen beider Angebote, sowie die Beleuchtung von konkreten „Facilitation moves“ als lernwirksame Begleitinstrumente für die Umsetzung des Dialogischen Videozirkels. Weiterer Fokus im Kontext der Workshops lag auf der Untersuchung der Konversationskultur und Lernatmosphäre als wesentliche Grundlagen, um ein optimales Lernen der Lehrkräfte zu ermöglichen. Entsprechende Analysen wurden mithilfe hoch-inferenter Ratings der videographierten Workshops vorgenommen.

Zweiter Untersuchungsschwerpunkt stellte die Analyse der videographierten Unterrichtsstunden der Lehrkräfte dar, mit dem Ziel, Veränderungen im Klassengespräch festzustellen. Dabei kamen niedrig- sowie hoch-inferente Kodier- und Ratingverfahren zum Einsatz.

Neben den Veränderungen im Unterricht war ein weiteres Anliegen, Auswirkungen des Dialogischen Videozirkels auf die Wahrnehmungen der Schülerinnen und Schüler in den Blick zu nehmen. Hier standen das mittels Fragebogen erfasste Fähigkeitsselbstkonzept, die Basic Needs, Motivation und Interesse, sowie Tiefenlernprozesse und Lernstrategien im Fokus.

Zentrale Fragestellungen

  1. Verändert sich das Wissen der Lehrer über produktive Klassengespräche im Verlauf der Weiterbildung von intuitiv zu explizit?
  2. Was sind Schlüsselprozesse des Lernens der Lehrpersonen mit Blick auf die Beobachtung von kritischen Situationen des Klassengesprächs? Verändert sich die professionelle Sichtweise der Lehrpersonen, die an der Intervention teilnehmen, von intuitivem zu wissensbasiertem Wissen über das Klassengespräch?
  3. Definieren die Lehrpersonen im Verlauf der Weiterbildung ihre Unterrichtspraktiken mit Blick auf produktive Klassengespräche neu?

Zentrale Ergebisse

  • Lehrkräfte der Interventionsgruppe (IG) waren mit der Fortbildung über das Jahr hinweg zufriedener als Lehrkräfte in der Kontrollgruppe (KG). Ursachen dafür lagen vor allem in dem Element der videobasierten Rückmeldung und im kollaborativen Austausch über eigenen/fremden Unterricht. (Aufsatz 2)
  • Komponenten effektiver Fortbildungen wurden im „Dialogischen Videozirkel“ (DVC) besonders intensiv umgesetzt. (Aufsatz 2, 7)
  • Im DVC wurden insgesamt neun „Facilitation Moves“ umgesetzt, die zu einer lernwirksamen Begleitung der Lehrkräfte in der Fortbildung führten. (Aufsatz 3)
  • Auf der Basis eines hoch-inferenten Ratings der Workshop-Videos zeigten unsere Ergebnisse, dass Lernprozesse durch eine produktive Lernbegleitung („Facilitation“) und effektive Lernumgebung unterstützt werden können, insbesondere durch eine positive Lernatmosphäre und Konversationskultur, welche Gesprächs- und Feedbackregeln folgt und den teilnehmenden Lehrpersonen eigene Handlungsroutinen aufzeigt. (Aufsatz 4)
  • Des Weiteren zeigten unsere Ergebnisse signifikante Veränderungen im Lehrerhandeln zugunsten der Interventionsgruppe (IG) bezüglich der Strukturierung von selbstreguliertem Lernen. Diese Ergebnisse spiegelten sich auch in den Workshop-Diskussionen wider. (Aufsatz 5)
  • Lehrkräfte der Interventionsgruppe (IG) veränderten das Unterrichtsgespräch vor allem hinsichtlich ihres Rückmeldeverhaltens hin zu mehr konstruktivem und prozess-bezogenem Feedback. Des Weiteren verstanden sie es besser, ihre Schülerinnen und Schüler miteinander zu vernetzen. (Aufsätze 7, 8 und 10)
  • Hinsichtlich des Feedbackverhaltens zeigten die einzelnen Lehrkräfte der Interventionsgruppe eine eher homogene Entwicklung, wohingegen das Frageverhalten unterschiedliche Verläufe aufwies. Die Einstellungen der Lehrkräfte, welche mithilfe von qualitativen Auszügen aus den Fortbildungsvideographien gewonnen wurden, bestätigten dieses Bild: Offene Fragen wurden als zum Teil schwierig angesehen, um den Unterrichtsverlauf zu kontrollieren. (Aufsatz 10)
  • Vertiefende Analysen der Interventionsgruppe konnten zeigen, dass Lehrkräfte im Rahmen der Fortbildung nicht nur ihr Verbalverhalten, z.B. in Form von mehr sachlich-konstruktivem Feedback, veränderten, sondern darüber hinaus auch das Klassengespräch autonomieunterstützender gestalteten. Diese veränderten “teaching actions“ zeigten positive Wirkungen auf die Wahrnehmung von Autonomieunterstützung und Autonomie auf Seiten der Schülerinnen und Schüler. (Aufsatz 6)
  • Schülerinnen und Schüler, deren Lehrkraft an der Intervention (dem Dialogischen Videozirkel, DVC) teilgenommen hatte, zeigten eine positivere Entwicklung ihres Interesses, Fähigkeitsselbstkonzeptes und ihrer Selbstwirksamkeit im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern, deren Lehrkraft in der Kontrollgruppe war. (Aufsatz 7, 8)
  • Im Zusammenhang mit einem produktiven Klassengespräch zeigten sich in der IG signifikant positive Entwicklungen der psychologischen Grundbedürfnisse sowie der intrinsischen Lernmotivation bei Schülerinnen und Schülern. (Aufsatz 8)
  • Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen niedrigen bzw. hohen Eingangsvoraussetzungen im Fähigkeitsselbstkonzept profitierten unterschiedlich von der Teilnahme ihrer Lehrkraft an der Intervention in Hinblick auf ihre tiefenorientierten Lernstrategien. (Aufsatz 9)
  • Eine zusätzliche Case Analyse illustriert, dass Schülerinnen und Schüler bei Lehrkräften, die ihr Klassengespräch verändern, diese Veränderungen wahrnehmen. Die Case Analyse verknüpft so Handlungsebene mit Schülerwahrnehmungen innerhalb eines Klassenzimmers und ergänzt die vorherigen Publikationen auf Individualebene. (Aufsatz 11)

Projektpublikationen

Zeitschriften:

  1. Gröschner, A., Schindler, A.-K., Jerabek, M., Borko, H., & Seidel, T. (in Vorbereitung). What makes teachers change their practice? Purposeful activities and effects of a PD program on classroom discourse.
  2. Gröschner, A., Seidel, T., Kiemer, K., & Pehmer, A.-K. (2014). Through the lens of teacher professional development components: The "Dialogic Video Cycle" as an innovative program to foster classroom dialogue. Professional Development in Education. doi: http://dx.doi.org/10.1080/19415257.2014.939692
  3. Gröschner, A., Seidel, T., Pehmer, A.-K., & Kiemer, K. (2014). Facilitating collaborative teacher learning: the role of “mindfulness” in video-based teacher professional development programs. Gruppendynamik und Organisationsberatung, 45(3), 273–290. doi: http://dx.doi.org/10.1007/s11612-014-0248-0
  4. Alles, M., Seidel, T., & Gröschner , A. (2018). Toward better goal clarity in instruction: How focus on content, social exchange and active learning supports teachers in improving dialogic teaching practices. International Education Studies . 11 (1), 11 - 24. doi: https://doi.org/10.5539/ies.v11n1p11
  5. Alles, M., Seidel, T., & Gröschner , A. (2018). Establishing a positive learning atmosphere and conversation culture in the context of a video - based teacher learning community. Professionel Development in Education . Advance online publicat ion. doi: https://doi.org/10.1080/19415257.2018.1430049
  6. Kiemer, K., Gröschner, A., Kunter, M., & Seidel, T. (in Überarbeitung). Autonomy in the context of dialogic classroom discourse: a mixed-method approach.
  7. Kiemer, K., Gröschner, A., Pehmer, A.-K., & Seidel, T. (2014). Teacher learning and student outcomes in the context of classroom discourse – Findings from a video-based teacher professional development programme. Form@re, 2, 51–62. doi: http://dx.doi.org/10.13128/formare-15124
  8. Kiemer, K., Gröschner, A., Pehmer, A.-K., & Seidel, T. (2015). Effects of a classroom discourse intervention on teachers’ practice and students’ motivation to learn mathematics and science.Learning and Instruction, 35(2), 94–103. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.learninstruc.2014.10.003
  9. Pehmer, A.-K., Gröschner, A., & Seidel, T. (2015a). How teacher professional development regarding classroom dialogue affects students' higher-order learning. Teaching and Teacher Education, 47, 108-119. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.tate.2014.12.007
  10. Pehmer, A.-K., Gröschner, A., & Seidel, T. (2015b). Fostering and scaffolding student engagement in productive classroom discourse: Teachers’ practice changes and reflections in light of teacher professional development. Learning, Culture and Social Interaction. doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.lcsi.2015.05.001
  11. Pehmer, A.-K., Gröschner, A., & Seidel, T. (genehmigt). Teaching science effectively: A case study on student verbal engagement in classroom dialogue. Orbis Scholae, Special Issue 2015.

Kodiermanuale

  • Gröschner, A., & Jerabek, M. (2014). Lernen von Lehrpersonen im „Dialogischen Videozirkel“. Manual zur Auswertung der Gesprächs- und Lernkultur in video- und gruppenbasierten Fortbildungen. München: TUM School of Education.
  • Pehmer, A.-K., Kiemer, K., & Gröschner, A. (2014). Produktive Lehrer-Schüler-Kommunikation: ein Kategoriensystem zur Erfassung Produktiver Gesprächsführung im Klassengespräch und in Schülerarbeitsphasen. München: TUM School of Education.

Dissertationen im Projekt

Abgeschlossen
Pehmer, A.-K. (2015). A teacher intervention on students’ higher-order learning in classroom dialogue – How teachers learn and perform, how students engage and perceive. Dissertation. München: TUM School of Education. doi: mediatum.ub.tum.de/node

Laufend
Jerabek, M. Facilitating teacher learning in a video-based professional development program: Examining changes in productive group discussions and teaching practice.